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Christian Stoll 2021

Grundlagen der Handlungsorientierung

In vielen Schulen, Berufsschulen, Hochschulen und Universitäten ist eine gängige Herangehensweise, Theorie und Praxis zum selben Thema in unterschiedliche Lehrveranstaltungen aufzuteilen. Das Ziel der Handlungsorientierung (ganz im Sinne Pestalozzis) ist die Überwindung dieser Trennung hin zum Lernen durch Handeln (Herkner; Pahl, 2018, p.2).

Historischer Hintergrund

upload.wikimedia.org_wikipedia_commons_thumb_e_ef_john_dewey_cph.3a51565.jpg_176px-john_dewey_cph.3a51565.jpgAbb. 1: John Dewey

Eine der ersten bedeutenden Konzepte der Handlungsorientierung kommt von John Dewey (siehe Abbildung 1). In den Veröffentlichungen von Dewey ist Handeln stark verknüpft mit der Reflexion und dem Lösen von Problemen die aus der normalen Handlungsroutine rausfallen (Abels, 2011, p.49). Er spricht auch von Reflective Activity bzw. Reflective Praxis. Zunächst nähert man sich dem Problem an. Es muss das eigentliche Problem erkannt, im Anschluss definiert und in einen Kontext eingebettet werden. Darauf aufbauend lassen sich Hypothesen aufstellen und Lösungsansätze sammeln. Dann kann das weitere Vorgehen geplant und die Lösungsansätze durchdacht und ausgearbeitet werden. Nun können die Lösungsansätze ausprobiert und beurteilt werden (siehe Abbildung 2). Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, da es nie nur eine richtige Lösung gibt und es wichtig ist, immer offen für neue/andere Möglichkeiten und Veränderungen zu sein (Dewey, 1933, p.106-115).

Abb. 2: Reflective Praxis

Nach Dewey (1933) wird eine Kompetenzentwicklung durch folgende Gegebenheiten ermöglicht:

  • Konfrontation mit neuem Problem
  • Problem kann mit bisherigen Handlungsroutinen nicht gelöst werden
  • Problem wird im Rahmen einer vollständigen Handlung gelöst
  • Lösungsweg wird reflektiert

Empirische Untersuchungen aus den 1980er Jahren zeigen, dass das eigene Handeln einer Person dazu führt, dass diese nicht mehr eine passive Rolle als Zuhörende einnimmt, sondern hin zu einer aktiven Rolle als Teilnehmende geführt wird. Dies wiederum steigert die Motivation der Lernenden. Außerdem werden hierdurch Inhalte viel stärker verfestigt, insbesondere wenn mehre Sinne angesprochen werden (Medien- und Methodenvielfalt) (Herkner; Pahl, 2018, p.4).

Merkmale der Handlungsorientierung

Laut KMK (2018, p.32) ist die Zielsetzung bei der Handlungsorientierung „Menschen zu selbstständigen Planen, Durchführen und Beurteilen von Arbeitsaufgaben“ zu befähigen .

Abb. 3: Kreis der vollständigen Handlung

Grundsätzlich sollte sich der Lern- und Arbeitsprozess am Kreislauf einer vollständigen Handlung ausrichten: Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren, Bewerten/Reflektieren (Kreis der vollständigen Handlung – siehe Abbildung 3) (Herkner; Pahl, 2018, p.4).

Die KMK nennt folgende Orientierungspunkte für die Planung handlungsorientierten Unterrichts KMK (2018, p.17):

  • Didaktische Bezugspunkte sind Situationen, die für den Alltag und die Zukunft der Lernenden bedeutsam sind.
  • Lernen vollzieht sich in vollständigen Handlungen, möglichst selbst ausgeführt oder zumindest gedanklich nachvollzogen.
  • Handlungen fördern das ganzheitliche Erfassen der Wirklichkeit in einer zunehmend globalisierten und digitalisierten Lebens- und Arbeitswelt (zum Beispiel ökonomische, ökologische, rechtliche, technische, sicherheitstechnische, berufs-, fach- und fremdsprachliche, soziale und ethische Aspekte).
  • Handlungen greifen die Erfahrungen der Lernenden auf und reflektieren sie in Bezug auf ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.
  • Handlungen berücksichtigen auch soziale Prozesse, zum Beispiel die Interessenerklärung oder die Konfliktbewältigung, sowie unterschiedliche Perspektiven der Berufs- und Lebensplanung.

Handlungsprodukte

Im Mittelpunkt der Handlungsorientierung steht ein Handlungsprodukt. Handlungsprodukte sind Produkte die von den Lernenden selbstständig hergestellt werden und einen Fach-/Berufsbezug aufweisen bzw. charakteristisch für das jeweilige Fach/Beruf sind. Handlungsprodukte können bspw.

  • allgemein Werkstücke,
  • Medienprodukte (Audio, Video, Dokumente),
  • auch die Planung eines Werkstückes/Medienproduktes,
  • die Dokumentation der Erstellung eines Werkstückes/Medienproduktes,
  • eine Präsentation (bspw. eines Arbeitsergebnisses oder eines Werkstückes/Medienproduktes),
  • ein Portfolio bzw. ein Lerntagebuch sein.

Handlungsprodukte können in diesem Zusammenhang aber auch als Lösung für ein Problem verstanden werden. Die relevante Frage, die ich mir also bei der Planung einer Lehrveranstaltung stellen muss, ist: Was sind fach-/berufstypische Handlungsprodukte die von Lernenden innerhalb einer Lehrveranstaltung erstellt werden können?

Es ist natürlich möglich, dass ein Handlungsprodukt aus vielen einzelnen Teilprodukten besteht. Die einzelnen Teilprodukte entstehen dann in unterschiedlichen Lehrveranstaltungen, Fächern oder Lernfeldern und werden am Ende eines bestimmten Zeitraumes zu einem Handlungsprodukt zusammengefügt. Es ist ebenfalls möglich einzelne Teilgruppen einzelne Teilprodukte erstellen zu lassen, welche am Ende ein Gesamtprodukt ergeben.

Zum Abschluss bietet es sich an, dass die Lernenden sich gegenseitig ihre Handlungsprodukte präsentierten, sich gegenseitig Feedback geben und zunächst gemeinsam mündlich den Erstellungsprozess reflektieren.

Abschluss und Benotung

Als Abschluss für das Projekt eignet sich die Dokumentation innerhalb eines Portfolios. Ein Portfolio besteht in diesem Zusammenhang aus folgenden Teilen: der Darstellung des Handlungsproduktes bzw. der einzelnen Handlungsprodukte, der Dokumentation des Erstellungsprozesses und der Reflexion des Erstellungsprozesses. Da Lernende häufig noch keine Erfahrungen mit schriftlichen Reflexionen gemacht haben, bietet es sich an, den Lernenden Reflexionsfragen zur Hand zu geben. Innerhalb des Portfolios kann ebenfalls das gegebene Feedback und die Ergebnisse der gemeinsamen Reflexion dokumentiert und in die schriftliche Reflexion mit eingebunden werden.

Bei der Benotung und Bewertung bietet es sich an, nicht das Handlungsprodukt direkt zu benoten, sondern das Portfolio. Dies bietet einige Vorteile. Zunächst ist die Erstellung einer Projektdokumentation eine gängige Aufgabe die im beruflichen Alltag anfallen kann (allgemein gegenüber der/des Vorgesetzten, in der freien Wirtschaft gegenüber von Kund:innen oder im wissenschaftlichen Bereich gegenüber von Drittmittelgebern). Von daher ist es naheliegend hier eine bestimmte Routine zu bekommen. Darüber hinaus sind die eigentlichen Handlungsprodukte, insbesondere wenn es möglich ist unterschiedliche Lösungswege zu beschreiten, je nach Vorkenntnissen und auch beruflichen Vorerfahrungen der Lernenden sehr unterschiedlich. Werden an der Stelle die Portfolios bewertet, ergibt sich dadurch wieder eine Vergleichbarkeit bei der Bewertung. Je nach Lerngruppe ergibt sich hier auch die Möglichkeit binnendifferenziert zu bewerten.

Darüber hinaus kann hierdurch eine positive Fehlerkultur vermittelt werden. Auch wenn das eigentliche Handlungsprodukt am Ende nicht den Vorstellungen entspricht oder auch nicht allen Anforderungen gerecht wird, kann dies innerhalb des Portfolios thematisiert und reflektiert werden, sodass hier trotzdem eine gute Note vergeben werden kann.

Wichtigste Merkmale der Handlungsorientierung

  • Handlungsbasiertes Lernen
  • Erfahrungsbasiertes Lernen
  • Reflexion des eigenen Handelns und der gemachten Erfahrungen

1 Herkner; Pahl, 2018. Handlungsorientierung in der Berufsbildung. Springer Fachmedien Wiesbaden, ISBN 978-3-658-19372-0.
3 Dewey, 1933. How we think : a restatement of the relation of reflective thinking to the educative process. D.C. Heath and Company, Lexington, Massachusetts.
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